„Native of Bavaria“

Die bayerisch-jüdische Auswanderergemeinde Emanu-El in San Francisco 1854-1906.

Ein Beitrag von Patrick Charell M.A., Leiter des Stadtmuseums Burghausen

Am 17. September 1849 versammelten sich im provisorischen Warenlager des Kaufmanns Levi Abraham Franklin sechzehn jüdische Geschäftsleute zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Die meisten von ihnen waren Einwanderer aus Bayern. Das Leinwandzelt stand an der Jackson Street in San Francisco, und es war der erste jüdische Gottesdienst an der gesamten amerikanischen Westküste.

San Francisco hieß ursprünglich Yerba Buena, was „Minze“ bedeutet. Der Hafen lag strategisch günstig an einer tiefen Meeresbucht, diente aber ursprünglich nur der Versorgung einer 1776 gegründeten, dem heiligen Franz von Assisi geweihten Mission im Landesinneren. Erst nachträglich entsandte der Vizekönig in Mexiko-Stadt einige Dutzend Soldaten, die am heutigen Golden Gate eine Garnison errichteten. Mit einer ganzen Reihe dieser Kloster- und Militäranlagen wollte das im Niedergang begriffene Spanische Weltreich seinen Anspruch auf die noch weitgehend unerforschte Landmasse Alta California gegen Russland, Großbritannien und später die Vereinigten Staaten von Amerika absichern. Jahrzehnte vergingen wie im Dämmerschlaf. Bisweilen wechselte die Flagge über dem Marktplatz: Auf Spaniens Rojigualda folgte die Trikolore von Mexiko, seit dem 9. Juli 1846 schließlich das Sternenbanner der USA. Ein halbes Jahr später wurde der Name der Mission auf die ganze Ortschaft übertragen.

Im Sommer 1848 zählte San Francisco rund 250 Einwohner, Tendenz sinkend. Dann hallte ein Ruf wie Donner über den Kontinent: „Gold! Gold in Kalifornien!“ Ergiebige Funde östlich von Sacramento und entlang der Sierra Nevada lösten 1848/49 einen gewaltigen Ansturm von Glücksrittern aus – die berühmten Forty-Niners. Sie durchquerten den Kontinent und ebneten damit nachfolgenden Siedlern den Weg. Viele wählten eine monatelange Schiffsreise rund um Kap Hoorn oder wagten eine Abkürzung durch die fieberverseuchte Meerenge von Panama. Der Kalifornische Goldrausch währte bis Mitte der 1850er Jahre. San Francisco wurde zur gefeierten „Pacific Pearl“ – der größten (und damals einzigen) Metropole an der Westküste. In dieser stürmischen Pionierzeit prägten jüdische Emigranten aus den deutschen Staaten maßgeblich die Entwicklung der Vereinigten Staaten.

Obwohl zehntausende Jüdinnen und Juden aus dem russischen Zarenreich flüchteten (Polen, Weißrussland, Ukraine), blieb Deutsch bis Ende des 19. Jahrhunderts neben Hebräisch und Englisch die vorherrschende Sprache des intellektuellen US-Judentums. Dieses kulturhistorische Phänomen wird in der Forschung als German period bezeichnet, was jedoch nicht ganz zutreffend ist. Denn gerade die entscheidenden Persönlichkeiten kamen sehr oft aus Bayern: Abraham Joseph Reiss (1802–1862) gründete in Baltimore die erste Jeschiwa der USA, David Einhorn (1809–1879) verfasste in Philadelphia das erste reformierte Gebetbuch, Jacob Fränkel (1808–1887) war der erste Militär-Rabbiner, Michael Hahn (1830–1886) der erste jüdische governor, Oscar Salomon Straus (1850–1926) der erste jüdische US-Bundesminister.

Im Jahr 1851 (nach anderen Quellen 1850) wurde in San Francisco die Congregation B’nai Israel gegründet, Kaliforniens älteste oder wenigstens zweitälteste Israelitische Kultusgemeinde. Den Vorsitz übernahm zunächst Abraham Cohen Labatt (1802–1899), ein sephardischer Anhänger des Reformjudentums aus South Carolina. Der unversöhnliche Gegensatz zwischen diesem liberalen, um Assimilation bemühten Judentum deutscher Prägung und der traditionalistischen Orthodoxie osteuropäischer Schtetl führte jedoch zu erheblichen Spannungen innerhalb der Gemeinde, was durch die migrationsbedingte Diversität der jüdischen Bevölkerung noch verschärft wurde. Gerade Juden aus den deutschen Staaten fühlten sich nicht selten kulturell überlegen und zeigten das auch ganz offen. So kam es 1854 zur Spaltung: Die überwiegend polnisch sprechenden, konservativen Gemeindemitglieder gründeten 1854 die Congregation Sherith Israel, während sich reformorientierte Juden von der Ostküste mit Einwanderern aus West- und Mitteleuropa in der Congregation Emanu-El zusammenschlossen. „Rabbiner Jacob Voorsanger (amtierend 1889–1908) predigte den Ausschluss offen von der Kanzel: ‘Wir wollen die osteuropäischen Juden hier nicht. Geht zurück!‘ Seine Sorge war, dass sich der jüdisch geprägte Stadtteil South of Market in ein Ghetto wie die Lower East Side in New York verwandeln könnte. Er hoffte, dass eine überwiegend wirtschaftlich erfolgreiche, gebildete und assimilierte jüdische Gemeinde zu größerer gesellschaftlicher Akzeptanz führen würde“ (Zitat nach Kate Shvetsky).

Die Emanu-El-Gemeinde: Eine bayerische Synagoge?

Die orthodoxe Kultusgemeinde Sherith Israel besaß schon seit 1855 eine Synagoge in der Stockton Street. Dem wollten die Mitglieder von Emanu-El nicht nachstehen und planten ihrerseits ein Gotteshaus, welches die wachsende Bedeutung des jüdischen Lebens in San Francisco angemessen repräsentieren sollte. Das Baugelände wurde von Benjamin Davidson (1823–1878) gestiftet, geschäftsführender Vertreter der Familie Rothschild in Kalifornien. Der aus Bayern stammende Gemeindevorstand Louis Sachs (1820–1890) legte zusammen mit Rabbiner Elkan Cohn (1820–1889) den Grundstein für ein neues Zentrum an der 450 Sutter Street. Anschließend überreichte er dem beauftragten Architekten William Patton (1821–1899) eine silberne Maurerkelle. Dieser nahm sie dankend entgegen und hielt seinerseits eine kurze Ansprache: „Wenn es in diesem wunderbaren Zeitalter und in diesem gesegneten Lande etwas besonders Bewundernswertes gibt, so ist es jene weltbürgerliche Freiheit des Denkens und die edle Toleranz der Meinungen, welche alle zivilisierten Männer und Frauen als gleichwertig achtet. […] Hier verehrt ein jeder Gott nach seiner eigenen Überzeugung, dem innersten Gebot seines Gewissens folgend. Kein sektiererisches Vorurteil hemmt den raschen Fortschritt dieses Volkes […] weder durch eine papistische Tyrannei der Unduldsamkeit noch durch puritanische Verbitterung gefesselt“.

Geplant waren unter anderem feste Sitzbänke nach Art christlicher Kirchen und eine mächtige Orgelempore in der Apsis, beides Symbole der modernsten Form des Reformjudentums. Anscheinend ging das einigen Gemeindemitgliedern dann doch zu weit, denn noch im Jahr 1864 trennten sich die Unzufriedenen und gründeten mit der Congregation Ohabai Shalome eine modern-orthodoxe Kultusgemeinde.

Am 23. März 1866 wurde die neue Emanu-El Synagoge mit großen Feierlichkeiten eingeweiht. Das neugotisch-maurische Bauwerk – im Volksmund der Sutter Street Temple – hatte 175.000 USD gekostet, mehr als 1300 Gläubige fanden darin Platz. Die prachtvolle Architektur schien in ihrer Grundform eine Hommage an die Münchner Frauenkirche zu sein. Orientalisierende Elemente wie die Form der Rundbogenfenster und Turmhauben entsprachen jedoch dem zeitgenössischen Stil deutscher Synagogen. Der 1829 eingerichtete königlich-bayerische Baukunstausschuss empfahl diesen „Maurischen Stil“ bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bei allen Synagogen-Neubauten.

Im Rankenwerk jeder ornamentalen Fensterbahn war der Davidstern (Magen David) eingefügt. Zwei markante Türme symbolisierten geschmückte Tora-Rollen und ragten 53 Meter in die Höhe. Ihre Bronzehauben glänzten anfangs so hell, dass man sie noch im 17 Kilometer entfernten Berkeley erkennen konnte. Die westliche Giebelfront mit dem Hauptportal wurde von den Mosaischen Gesetzestafeln bekrönt, vergleichbares fand sich auch bei Synagogen in Schwaben und Franken (u.a. in Bad Kissingen, Binswangen, Buttenwiesen, Schopfloch).

Der Sutter Street Temple war zu seiner Fertigstellung die größte Synagoge westlich von Chicago und galt als eines der schönsten religiösen Bauwerke im Staat Kalifornien. Sie diente vielen nachfolgenden Synagogen im amerikanischen Westen als Vorbild.

Bayerische Juden machen ihr Glück

Die erste Generation bayerisch-jüdischer Auswanderer hat in San Francisco zahlreiche schillernde und bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung ist die schiere Zahl verblüffend. Leider lässt sich oft nicht mehr feststellen, in welchen Ortschaften Bayerns sie einst zur Welt gekommen sind: In offiziellen Dokumenten und sogar auf Grabsteinen heißt es oft nur lakonisch „Native of Bavaria“.

Julius Baum (1833–1894) stammte aus Diespeck bei Nürnberg. Mit 16 Jahren kam er nach Missouri und folgte 1851 dem Ruf des Westens. Die Geschichte der Kabelstraßenbahn, einem bekannten Wahrzeichen von San Francisco, ist mit seiner Biografie verknüpft: Julius Baum war Gründungsmitglied der Congregation Emanu-El und als Kaufmann in verschiedenen Sparten sehr erfolgreich. Während der 1880er Jahre galt er als einer der reichsten Menschen von Kalifornien, außerdem saß er in den Vorstandsräten bedeutender Unternehmen. Dazu zählte auch die 1877 gebaute Sutter Street Railway, deren Streckenverlauf von der Market Street an der Synagoge vorbei zum Stadtteil Presidio am Golden Gate führte.

Benedict Feigenbaum (1834–1896) wurde in Binswangen geboren. Nach dem Abitur in Augsburg wanderte er 1853 in die Vereinigten Staaten aus. Zunächst lebte er in New York, ging dann im Nachklang des Goldrausches nach Kalifornien. 1855 wird Feigenbaum in San Francisco aktenkundig. Er zog jedoch weiter nach Norden und wurde nur ein Jahr später – mit knapp 23 Jahren – Teilhaber eines gut gehenden Warenhauses in der Stadt Eureka. Als er 1866 Hannah Löwenthal aus Frankfurt a.M. ehelichte, war dies die erste zelebrierte Hochzeit im Sutter Street Temple. Im Jahr 1869 siedelte die Familie dauerhaft nach San Francisco über, wo Benedict Feigenbaum gemeinsam mit seinem Bruder Joseph und dem Geschäftspartner Louis Schwartzchild die California Notion & Toy Company gründete, lange Zeit größter Spielwarenhersteller an der amerikanischen Westküste

„Honest“ Aaron Fleishhacker (1820–1898) war Pionier der ersten Stunde und ein Gründungsmitglied der Congregation Emanu-El. Er wanderte 1845 von Bayern nach Amerika aus und lebte zunächst in New Orleans. Er kam während des Goldrausches nach Kalifornien und baute in San Francisco eine große Fabrik für Verpackungswaren auf. Seine nicht minder erfolgreichen Söhne Mortimer Fleishhacker (1866–1953) und Herbert Fleishhacker (1872–1957) gründeten die American River Electric Company mit mehreren Wasserkraftwerken. Sie stifteten den Vorgänger des heutigen städtischen Tiergartens sowie ein Schwimmbad, das bis 1971 in Betrieb blieb.

„Father“ Jacob Green[e]baum (eig. Grünebaum, 1831–1914) stammte aus der bayerischen Rheinpfalz. Im Alter von 20 Jahren emigrierte er 1851 nach Kalifornien und ließ sich zunächst in Sacramento nieder. 1860 zog er nach San Francisco, wo er als Partner bei H. Cohn & Co. einstieg, einem Großimporteur von Kleidung und Hüten. Später wechselte er als Teilhaber in den Wertpapierhandel Greenbaum, Helbing & Co. Er wurde 1863 Direktor der Congregation Emanu-El und übte dieses Amt über 42 Jahre bis 1905 aus. Zeitweise war er auch deren Barnoss (engl. president). Jacob Greenbaum engagierte sich in verschiedenen philanthropischen Organisationen und spielte eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des jüdischen Lebens von Nordkalifornien. Er war erster Großpräsident des 4. Distrikts der International Order of B’nai B’rith und Mitglied der Odd Fellows (sozial aktive, mit den Freimaurern verwandte Organisationen).

Salomon Haas (1817–1895) hatte Bayern im Jahr 1844 verlassen und begann im US-Bundesstaat Illinois als reisender Hausierer. Mit dem ersparten Geld gründete er mehrere Warenhäuser in Mississippi und Alabama. Während des Goldrauschs zog Haas nach Kalifornien, 1853 ließ er sich in San Francisco nieder. Viele Jahre diente er als Schatzmeister der Congregation Emanu-El. „Wie so viele bayerische Juden war Salomon Haas ein Kaufmann par excellence“ (Martin Abraham Meyer). Unter anderem errichtete er eine Handelsniederlassung im japanischen Hafen Yokohama, erkannte die wachsende Nachfrage nach europäischem Bier und gründete 1869 mit seinem Schwager Julius Rosenfeld (?–1910) die erste Brauerei Japans. Die „Japan Yokohama Brewery“ produzierte allerdings nur bis 1874 und ist heute fast vergessen. Nachkommen der Familie Haas besitzen heute eine Aktienmehrheit der Jeansmarke Levi Strauss.

Martin Heller (1821–1894) übernahm das Amt des Gemeindevorstands, nachdem sein bereits erwähnter Vetter Louis Sachs 1866 nicht mehr zur Wahl antrat; zunächst auf zwei Jahre und dann erneut von 1880 bis zu seinem Tod. Gemeinsam mit seinen Brüdern Moses und Jonas hatte Martin Heller das oberfränkische Pretzfeld im Jahr 1844 verlassen, um in Amerika ein besseres Leben zu finden. 1856 ließen sich die Brüder endgültig in San Francisco nieder. Ihr Textilien- und Haushaltswarengeschäft M. Heller & Bros. entwickelte sich zu einem der größten Kaufhäuser an der Westküste.

Simon Koshland (1825–1896) kam im Ichenhausen zur Welt. Mit seinem älteren Bruder wanderte er 1850 über Panama nach Sacramento aus, wo sie ein Gemischtwarengeschäft eröffneten. 1862 zog Simon nach San Francisco, wo er und sein Bruder die Wollhandlung Koshland Brothers gründeten. Als Koshland & Sons wurde die Firma später das führende Wollunternehmen in den Vereinigten Staaten. Die Familie Koshland ist mit der bayerischstämmigen Familie Haas durch Heirat verwandt.

Nathan Michael Reese (eig. Ries, 1815–1878) stammte aus einer Familie jüdischer Händler im Hainsfarth. Mit 18 Jahren emigrierte er nach Amerika, machte an der Ostküste ein Vermögen, verlor es wieder, fing von vorne an und war mit Immobilienspekulationen im raubeinigen Minnesota-Territorium sehr erfolgreich. 1848 ging Michael Reese nach San Francisco und investierte rund 120.000 USD in Immobilien. Durch seine Jahre im „Wilden Westen“ hatte sich Reese einen Ruf als harter Mann erworben, deshalb wurde er regelmäßig vom Sheriff in einer posse (temporären Bürgerwehr) vereidigt, um gesuchte Verbrecher dingfest zu machen. Durch einen Stadtbrand im Jahr 1851 stand Michael Reese ein zweites Mal vor dem Ruin. Mit unglaublicher Zähigkeit arbeitete er sich erneut an die Spitze, entwickelte aber einen pathologischen Geiz: Er bestellte in Saulman's Coffee Salon die Krumen von der Ladentheke und ging stundenlang zu Fuß, um sich die 5 Cents für eine Straßenbahnfahrt zu sparen. Reese stieg zum zweitgrößten Grundbesitzer in San Francisco auf. Angeblich traf ihn während eines Heimatbesuches in Wallerstein der Schlag, weil er dem Friedhofswärter ein Trinkgeld geben sollte.

Levi (Löb) Strauss (1829–1902) stammte aus Buttenheim in Oberfranken. Nachdem seine älteren Brüder in New York eine Kurzwarenhandlung gegründet hatten, wanderte auch der Rest der Familie 1847 nach Amerika aus. Nachdem Strauss das Geschäft erlernt hatte, lebte er kurzzeitig in Kentucky. Im Jahr 1853 folgte er seiner Schwester Fanny (1823–1884) mit ihrem Schwager David Stern (1820–1874) nach San Francisco. Dort gründete er die Firma Levi Strauss & Company und belieferte schon bald Bergarbeiter im ganzen Westen. Zusammen mit Jacob W. Davis (1834–1908) – einem jüdischen Schneider aus Virginia City, Nevada – entwickelte er eine nietenverstärkte Hose aus blauem Baumwollstoff, die heute als Jeans bekannt ist. Der moderne Hauptsitz der Firma befindet sich noch immer an der Battery Street (Levi's Plaza) in San Francisco. Das Geburtshaus in Buttenheim beherbergt seit dem Jahr 2000 ein Museum. Sein Leben wurde 2024 in der TV-Serie "Levi Strauss - Der Stoff der Träume" verfilmt.

Erwähnenswert ist auch, dass Joshua Norton (1818–1880) regelmäßig die Schabbat-Gottesdienste der „bayerischen“ Emanu-El Synagoge besuchte. Norton war ein stadtbekanntes Original: Ein beliebter und völlig harmloser Verrückter, der als selbsternannter „Kaiser der Vereinigten Staaten“ in Fantasieuniform durch die Straßen paradierte.  Restaurants akzeptierten seine selbst gedruckten „Norton-Dollars“ als Zahlungsmittel, und in lokalen Zeitungen erschienen seine Proklamationen. So forderte „Kaiser Norton I.“ bereits 1872 eine Brücke quer über die Bucht von San Francisco nach Oakland, wo die transkontinentalen Eisenbahnlinien endeten – damals noch technisch unmöglich, wurde diese Brücke in den 1930ern tatsächlich gebaut!

Das Amerikanische Jerusalem

Mitte des 19. Jahrhunderts lebten bereits an die 3000 Juden in der Bay Area, das heißt rund um San Francisco. Bis zum Jahr 1900 wuchs ihre Zahl auf schätzungsweise 30.000 an, was etwa 9 % der Gesamtbevölkerung ausmachte. Zu dieser Zeit hatte San Francisco nach New York die zweitgrößte jüdische Gemeinde in den Vereinigten Staaten. Aufgrund seiner liberalen Toleranz und Offenheit gegenüber einem lebendigen jüdischen Leben wurde die Stadt am Golden Gate auch als „Amerikanisches Jerusalem“ bezeichnet. Bedeutende jüdische Einrichtungen waren das Pacific Hebrew Orphans’ Asylum and Home, das Hebrew Board of Relief sowie die philanthropische Eureka Society. Aus dem ursprünglich deutschsprachigen Alemannia Club ging 1865 der Concordia Club hervor, einer der ältesten und wichtigsten jüdischen Vereine der Westküste.

Die jüdische Bevölkerung finanzierte in San Francisco eigene Schulen, Krankenhäuser, Bildungswerke, sie beteiligte sich aber auch rege an der allgemeinen kommunalen Wohlfahrt. Seit 1847 bestand ein jüdischer Friedhof an der Gough Street und Vallejo Street; 1860 wurde er an einen Ort verlegt, der heute als Mission Dolores Park bekannt ist. Er diente zunächst noch als gemeinsame Ruhestätte für die beiden Kultusgemeinden Emanu-El und Sherith Israel, bis 1889 im Vorort Colma getrennte Friedhöfe angelegt wurden. Hier ruhen die meisten jüdisch-bayerischen Auswanderer, unter ihnen Levi Strauss in einem prächtigen Mausoleum.

Die University of California in Berkley profitiert bis heute von den großzügigen Stiftungen bayerischer Juden aus San Francisco, deren Namen schon gefallen sind: Strauss, Reese, Fleishhacker, Haas. Deutschsprachige Journalisten gründeten die jüdische Zeitung Emanu-El, deren erste Ausgabe Ende 1895 erschien. Die Zeitung änderte mehrfach ihren Namen und besteht unter dem Titel J: The Jewish News Weekly of Northern California in gedruckter Form wie auch online fort.

Nachwirken

Das verheerende Erdbeben von San Francisco legte am 18. April 1906 weite Teile der Stadt in Schutt und Asche. Rabbiner Martin Abraham Meyer (1879–1923) bezeichnete diese Katastrophe als „Holocaust“, ohne zu ahnen, welche furchtbare neue Bedeutung dieses Wort nur wenige Jahrzehnte später erlangen würde. Weil viele Archive zerstört wurden, ist die wissenschaftliche Forschung heute nur eingeschränkt möglich. Die Stadt erholte sich jedoch schnell von der Katastrophe, bis 1907 wurde auch der Sutter Street Temple wieder aufgebaut. Mit der Panama-Pacific International Exposition (Weltausstellung) von 1915 präsentierte sich San Francisco im neuen Glanz. Allmählich verlagerte sich das Zentrum jüdischen Lebens weiter nach Westen in das Stadtviertel Fillmore. Nachdem die Congregation Emanu-El 1926 ein neues Gemeindezentrum an der Ecke Arguello Boulevard / Lake Street errichtet hatte, wurde die alte Synagoge abgerissen. Man kann dies auch als ein Fanal interpretieren: Eine neue Generation von durch und durch amerikanischen Juden hatte die Einwanderer aus der Alten Welt abgelöst. Die einst prägende deutsch-bayerische Identität war allmählich verblasst und geriet nicht zuletzt durch staatlich geschürte Ressentiments während des Ersten Weltkriegs endgültig in Vergessenheit.

Für die 2021 initiierte Plattform Jüdisches Leben in Bayern vom Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) wurden erste Anstöße unternommen, um diesen Abschnitt der bayerisch-jüdischen Geschichte in Amerika wieder sichtbarer zu machen. Im Sinne einer transatlantischen Zusammenarbeit wird aktuell mit der Society of Californian Pioneers, dem ältesten historischen Verein in Kalifornien, sowie der Fakultät für jüdische Geschichte an der University of San Francisco nach Möglichkeiten gesucht, entsprechende digitale Angebote zu erstellen.

Literaturnachweise

Literatur (Deutsch / Englisch):

Fred Rosenbaum: Cosmopolitans. A Social & Cultural History of the Jews of the San Francisco Bay Area. Berkeley 2009. (Englisch)

Congregation Emanu-El San Francisco (Hg.): We Worshipped Here – A Special Exhibition in Celebration of Congregation Emanu-El’s 150th Anniversary. San Francisco 2000. (Englisch)

Avraham Barkai: Branching Out. German-Jewish Immigration to the United States, 1820-1914. New York 1994. (Englisch)

William Weber Johnson (Hg.): Der Spanische Westen. München / London u.a. 1979 (= Time Life: Der Wilde Westen 16).

William Weber Johnson (Hg.): Der Goldrausch. München / London u.a. 1979 (= Time Life: Der Wilde Westen 15).

Martin Abraham Meyer / Congregation Emanu-El San Francisco (Hg.): Western Jewry (The Jews of California). An account of the achievements of the Jews and Judaism in California, including eulogies and biographies. San Francisco 1916. (Englisch)

Digital, Deutsch:

Patrick Charell: Levi (Löb) Strauss. Textilkaufmann und –Produzent, Erfinder der Jeans. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg): Digitale Plattform „Jüdisches Leben in Bayern“. Online unter: https://hdbg.eu/biografien/detail/levi-loeb-strauss/1058 [Zugriff: 17.06.2025].

Patrick Charell: Nathan Michael Reese (Ries). Selfmade-Millionär und Philanthrop. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg): Digitale Plattform „Jüdisches Leben in Bayern“. Online unter: https://hdbg.eu/juedisches_leben/person/nathan-michael-ries-reese/1515 [Zugriff: 17.06.2025].

Patrick Charell: „Hier nun stehe ich mit vielen Söhnen des Südens...“ Bayerische Rabbiner im Amerikanischen Sezessionskrieg 1861-1865. In: Netzwerk Jüdisches Leben in Bayern – Blog. Online unter: https://netzwerk-juedisches-bayern.de/beitrag/hier-nun-stehe-ich-mit-vielen-soehnen-des-suedens

Karin Eben: Einführungstext - 18. Jahrhundert bis um 1830. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg): Digitale Plattform „Jüdisches Leben in Bayern“. Online unter: https://hdbg.eu/juedisches_leben/einfuehrungstexte/18-jhdt-bis-ca-1830 [Zugriff: 17.06.2025].

Digital, Englisch:

Anon.: Emanu-El’s pedigree. A towering presence. In: The Jewish News of Northern California (08.10.1999). Online unter: https://jweekly.com/1999/10/08/emanu-el-s-pedigree-a-towering-presence/ [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

Allan Temko: Temple Emanu-El of San Francisco. A Glory of the West. In: Commentary (August 1958). Online unter: https://www.commentary.org/articles/allan-temko/temple-emanu-el-of-san-franciscoa-glory-of-the-west/?utm_source=chatgpt.com [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

The Magnes Collection of Jewish Art and Life, Berkeley (Hg.): Sammlung Congregation Emanu-El, 1850-2002 (Einführungstext). Online unter: https://magnes.berkeley.edu/collections/archives/magnes-collection-on-congregation-emanu-el-1850-2002 [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

Kate Shvetsky: 19th c. Anti-Semitism? In: FoundSF. The San Francisco digital history archive. Online unter: https://www.foundsf.org/index.php?title=19th_c._Anti-Semitism%3F [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

Kate Shvetsky: Germans vs. Poles. In: FoundSF. The San Francisco digital history archive. Online unter: https://www.foundsf.org/Germans_vs._Poles [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

Jonathan L. Friedmann (Hg.): Martin Heller. Longest Running President of Congregation Emanu-El & Successful Dry Goods Wholesaler. In: Jewish Museum of the American West. Online unter: https://www.jmaw.org/heller-jewish-san-francisco/ [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

Jonathan L. Friedmann (Hg.): Congregation Emanu-El of San Francisco. In: Jewish Museum of the American West. Online unter: https://www.jmaw.org/emanu-el-san-francisco-jewish/ [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

Jonathan L. Friedmann (Hg.): Jacob Greenbaum: Pioneer Manufacturer, Importer, Stockbroker & Benefactor of San Francisco. In: Jewish Museum of the American West. Online unter: https://www.jmaw.org/greenbaum-jewish-san-francisco/ [Zugriff: 17.06.2025]. (Englisch)

 

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