Jüdisches Leben im mittelalterlichen Regensburg

Jedes Jahr werden hunderte Paare im ersten Stock des alten Rathauses in Regensburg getraut. Währenddessen weiß kaum jemand, dass zwei Stockwerke tiefer ein Grabstein mit hebräischer Inschrift Hinweise auf das jüdische Leben im mittelalterlichen Regensburg gibt. Doch wie kam dieser Stein in das alte Rathaus und wo können wir heute noch jüdische Spuren innerhalb der historischen Stadtmauern entdecken?

Regensburg hat eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Bayern. Nicht nur die Stadt selbst, sondern auch das jüdische Leben vor Ort erlebte während des Mittelalters seinen Höhepunkt. Eine Kaufurkunde aus dem Jahr 981 zeugt zum ersten Mal von jüdischen Personen, die in Regensburg leben.

Bereits im 11. Jahrhundert existierte ein jüdisches Viertel in Regensburg, das sich rund um den heutigen Neupfarrplatz befand. Die 1227 fertiggestellte Synagoge bildete das Herzstück der Gemeinde. Sie war nach Köln, Trier, Speyer und Worms die fünfte Synagoge im gesamten Heiligen Römischen Reich und galt als bedeutendes Bauwerk der Gotik. Sie wurde noch vor dem Regensburger Wahrzeichen schlechthin, dem Dom, fertiggestellt.

Im Februar 1519 wurde sie im Zuge der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Regensburg komplett zerstört. Der Zeichner Albrecht Altdorfer hielt vor dem Abbruch die Innenansicht des Gotteshauses auf einer Radierung fest. Bei Ausgrabungen 1995 wurden die Grundmauern und somit auch der Grundriss sichtbar. Heute befindet sich dort das Denkmal Misrach von Dani Karavan. Fragmente von Säulen und hebräischen Inschriften sind heute im historischen Museum der Stadt vorzufinden.

Auch in unmittelbarer Nähe der Kirche St. Emmeram lässt sich jüdisches Leben im Mittelalter bezeugen. Dort im heutigen Schlosspark von Thurn und Taxis befand sich zu jener Zeit der jüdische Friedhof, der 1210 angelegt wurde und schon bald zu den bedeutendsten jüdischen Friedhöfen Mitteleuropas zählte. Bis zu seiner Zerstörung 1519 soll es dort bis zu 4200 Grabsteine gegeben haben. Diese wurden zum Teil als Baumaterial benutzt, zum Beispiel im Kreuzgang des Doms oder aber auch im Todesverlies der Regensburger Folterkammer, die sich heute im Keller des alten Rathauses befindet. Erst 1822 eröffnete in der Stadt erneut ein jüdischer Friedhof in der Nähe des Stadtparks in der Schillerstraße.

Die mittelalterliche Gemeinde war ein Anziehungspunkt für jüdische Gelehrte, etwa Jehuda Ben Samuel, der 1196 in Regensburg eine Taldmuschule gründete und dort sein bis heute bedeutendes Werk Buch der Frommen verfasste. Somit war die Stadt ein geistiges Zentrum des aschkenasischen Judentums.  Obwohl in anderen Städten während der Kreuzzüge und der ersten Pestwelle 1349/50 Jüdinnen und Juden von Pogromen betroffen waren, blieb die Regensburger Gemeinde weitgehend verschont. Die Regensburger Ratsherren sahen sie sogar als Mitbürger an, wohingegen zum Beispiel in Wien Juden zu dieser Zeit kaum Rechte hatten und sich nur mühsam in der Stadt halten konnten.

Innenansicht der mittelalterlichen Synagoge. Radierungen von Albrecht Altdorfer 1519.

Wie antisemitisch die Stadtbevölkerung dennoch eingestellt war, bezeugt bis heute ein Beispiel am südlichen Seitenschiff des Doms. Nach 1350 wurde hier nämlich die sogenannte Judensau platziert – direkt gegenüber dem jüdischen Wohnviertel. In der damaligen Zeit ein gängiges judenfeindliches Motiv, um zu zeigen, dass die jüdische Bevölkerung unrein war und mit dem Teufel in Verbindung stand, denn in der christlichen Kunst verkörperten Schweine den Teufel. Nach fast 700 Jahren ist diese Schmähplastik zwar stark verwittert, symbolisiert trotzdem noch antisemitischen Hass und Hetze.

Ende des 15. Jahrhunderts schlug dann endgültig die Stimmung der Bevölkerung um. Christliche Geistliche hetzten die Bevölkerung immer mehr mit antijüdischen Predigten auf und machten Juden für alle Probleme der Stadt verantwortlich. Mit dem Tod von Herzog Georg von Niederbayern im Jahr 1504 verlor die jüdische Gemeinde ihren direkten Schutzherren in Regensburg hatte und die Schikanen nahmen weiter zu. 1519 veranlasste der Regensburger Rat nach dem Tod von Kaiser Maximilians I. letztendlich die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung und die Zerstörung ihres Wohnviertels. Erst gut 300 Jahre später, 1803, konnten sich Juden gegen eine Schutzgebühr von 50 Gulden wieder offiziell in Regensburg niederlassen.

Regensburgs Altstadt wirkt mit seinen engen Gassen, Patriziertürmen und dem beeindruckenden gotischen Dom nicht nur wie eine mittelalterliche Zeitkapsel, sondern hält Einblicke in jüdisches Leben vor 1000 Jahren bereit, auch wenn nicht alles auf den ersten Blick sichtbar ist.

 

von Katharina Bawidamann

 

Literatur:

 

Michael Brenner, Renate Höpfinger (Hrsg.): Die Juden in der Oberpfalz. Oldenbourg, München 2009.

Silvia Codreanu-Windauer: The Medieval Jewish Quarter of Regensburg and its Synagogue: Archaeological Research 1995–1997. In: Timothy Insoll (Hrsg.): Case Studies in Archaeology ans World Religion. The Proceedings of the Cambridge Conference. Oxford 1999. S. 139–152.

 

Links:

https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000007645?lang=de

https://hdbg.eu/juedisches_leben/gemeinde/regensburg/749

 

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