“In Israel gibt es verschiedene Bedrohungen, aber Antisemitismus ist keine davon!” - Interview mit Dr. Ghilad Shenhav
Nach einem Jahr in Berlin verschlug es Dr. Ghilad Shenhav und seine Familie von Israel nach München. Seine ersten Eindrücke von den beiden Großstädten waren ziemlich divergent:
“Das jüdische Leben in Berlin ist im Prinzip anders. Berlin ist generell viel chaotischer als München. Es ist einfach eine ganz andere Atmosphäre und daran muss man sich erst gewöhnen, glaube ich.”
Dazu herrscht in München in Bezug auf seine Tätigkeit in den Israel-Studien und im Bereich Zionismus ein ganz anderer Diskurs als in Berlin. Überdies fühlt er sich wohl in München.
“Ich habe sofort gespürt, dass die Stadt sehr gemütlich ist und die Leute hier waren alle nett und hilfsbereit. Ich war einfach auch voll begeistert, hier mit meiner Arbeit anzufangen. Schließlich ist das jetzt auch meine erste Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Als Israeli eine tolle Möglichkeit, aber auch eine Herausforderung.”
Herausforderung in dem Sinne, dass er in seiner Funktion als Dozent den Studierenden einen sicheren Rahmen schaffen will, um miteinander zu diskutieren.
“Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Interesse es an Israel und israelbezogenen Themen in meinen Seminaren gibt. Ich versuche, in meinen Kursen einen sicheren Raum zu schaffen, in dem man alles besprechen darf. Eine Uni sollte ein sicherer Raum sein, wo wir Sachen ausprobieren und vielleicht auch mal das Falsche sagen dürfen. Denn die Angst ist so groß und begrenzt die Diskussion manchmal. Bei mir sollen die Studierenden ihre Ideen und Meinungen weiter ausführen.”
In seinem Heimatland Israel kannte er Antisemitismus nur aus der Theorie. Denn dort gehören Jüdinnen und Juden zur Mehrheitsgesellschaft. Deshalb musste er erstmal den Diskurs um den Antisemitismus verstehen lernen:
“Das ist etwas, was in Israel keine Präsenz hat. Ich komme aus Israel, dort bin ich aufgewachsen und in Israel gibt es verschiedene Bedrohungen, aber Antisemitismus ist keine davon. Für mich war es deshalb schwierig zu verstehen, warum das so ist. Jetzt kann ich nachvollziehen, wie es auch Kernfragen der deutschen Gesellschaft betrifft.”
Deswegen arbeitet er im Zentrum für Israel-Studien an verschiedenen Projekten, um den Raum für Diskussionen über Antisemitismus zu öffnen. Eine Herzensangelegenheit von ihm: die Gesprächsreihe lets talk about Israel - Palestine.
Was ihn ebenfalls beschäftigt ist die Frage, wie man ein gutes jüdisches Leben in Bayern gestalten kann.
“Das ist schon viel komplizierter. Denn ein gutes jüdisches Leben in Bayern bezieht sich nicht nur auf Schutz und Sicherheit, sondern einfach auch das Schöne im Judentum, auf die jüdische Kultur. Es ist ganz leicht, das wegzulassen, wenn man sich nur auf Sicherheitsthemen fokussiert.”
In diesem Kontext würde es seiner Meinung nach helfen, wenn die Menschen in Bayern verstehen, dass Jüdinnen und Juden Subjekte sind und eben keine Objekte, über die gesprochen wird, statt mit ihnen zu sprechen.
“Es gibt im Judentum verschiedene Strömungen und Meinungen. Es gibt ständig den Versuch (von nichtjüdischen Mitbürgern), das Judentum auf eine Ausrichtung und eine Meinung zu begrenzen. Es ist auch im Alltagsgespräch für Menschen schwierig zu verstehen, dass Juden in Deutschland wirklich andere Meinungen haben. Vor allem, wenn man im Gespräch nach einer bestimmten Meinung sucht. Es wird erwartet, dass man sich als Jude anpasst.”
Oft würde es am Interesse an der Person selbst fehlen, sobald es um etwas anderes als Antisemitismus oder dem Staat Israel geht. Bei anderen Religionen sei das anders.
“Katholiken oder Protestanten müssen sich nicht erklären. Es ist kein Kernthema, im Alltag oder in Alltagsgesprächen spielt es eine geringere Rolle. Andererseits möchte ich nicht, dass das Judentum gleich ist wie die christliche Glaubensgemeinschaft. Wir sind in einer Minderheitenposition. In Israel war ich Teil der Mehrheitsgesellschaft. Hier ist es für mich eine neue Erfahrung, Teil einer Minderheit zu sein. Ich glaube, das macht mich mehr sensibel für andere Minderheiten.”
Durch seine Arbeit, aber auch durch sein privates Umfeld ist Dr. Shenhav regelmäßig mit der jüdischen Gemeinde in München in Kontakt und bekommt das Gemeindeleben aus erster Hand mit. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen wünscht er sich manchmal ein bisschen mehr Vielfalt innerhalb dieser.
“Die Vielfältigkeit und die verschiedenen Meinungen innerhalb des Judentums existieren auch in der Münchner Gemeinde. Aber diese Spannungen und diese interessanten Aspekte, die meiner Meinung nach essenziell sind für eine lebendige Gemeinde, bearbeitet man nicht so oft in der Öffentlichkeit. Eine gesunde und lebendige Gemeinde braucht diese Diskussion und diese Spannungen.”
Deswegen vermisst er aus Israel neben seiner Familie auch die Möglichkeit, sich über alle Konflikte hinweg mit seinen Kollegen auszutauschen, egal ob man die gleiche Meinung teilt oder nicht. Zugleich arbeitet er tagtäglich zur jüdischen Religion und der aktuellen israelischen Politik – allerdings aus der Ferne. Das würde schon etwas mit ihm machen, vor allem in dieser Zeit, wo seine Heimat in Not ist.
Die LMU München ist einer der wenigen Orte in Deutschland, an denen Israel-Studien angeboten werden. Das lässt ihn nachdenklich, aber auch voller Erwartungen auf die Zukunft blicken.
“Im Prinzip gibt es keine Kontinuität. Es reicht nicht, dass wir sagen, wir wollen Antisemitismus bekämpfen oder wir forschen zum Nahostkonflikt. Man muss das akademisch mehr unterstützen und aus einer ausbalancierten Position vermitteln. Hier bei uns gibt es die einzigartige Situation, dass jedes Jahr auch ein palästinensischer/ arabischer Kollege an unserem Institut unterrichtet. Ich wünsche mir einen Diskurs, der sich weniger auf Feindschaft und mehr auf Zusammenleben konzentriert. Diesen Dialog untereinander können wir allmählich in Deutschland haben. Seit dem 7. Oktober waren die Gespräche zwischen mir und meinen arabischen Kollegen eine große Hoffnung und das möchte ich mehr sehen.”
Das Interview führte Katharina Bawidamann.
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