„Heimat ist grundsätzlich ein Gefühl“
Frau Dr. Knobloch, wenn Sie „daheim“ sagen, wo ist das?
In München! Sehr lange war München für mich nur meine Geburtsstadt, aber ich bin längst an dem Punkt, dass ich mit Stolz sagen kann: Ich bin ein Münchner Kindl, hier bin ich daheim! Das lasse ich mir auch nicht mehr nehmen.
Ist Heimat für Sie etwas Abstraktes oder verbinden Sie es mit konkreten Orten, Gefühlen, Menschen, Erinnerungen, Gerüchen und Geschmäckern, Dingen? Welche sind das?
Heimat ist grundsätzlich ein Gefühl, und Gefühle verbinden sich mit Orten. Wenn ich auf der Wiesn bin, fühle ich daheim. Wenn ich in den Bergen unterwegs sein kann, fühle ich mich daheim. Und natürlich, wenn ich mit den vielen Menschen zu tun haben kann, die mir hier ans Herz gewachsen sind, dann fühle ich mich auch daheim.
Wenn Sie mich nach konkreten Momenten fragen: Ich liebe den Dezember in München, wenn die ganze Stadt strahlt und leuchtet. Das ist immer etwas ganz Besonderes.
Sie wollten auswandern (USA oder Australien). Nach der Geburt Ihrer Kinder haben Sie sich anders entschieden. Warum?
Mit zwei kleinen Kindern in ein fremdes Land, dessen Sprache wir nicht richtig beherrschten, das war uns zu heikel. Wir wollten erst einmal abwarten, und „erst einmal“ wurde dann lang und länger. Es hat aber wirklich Jahrzehnte gedauert, bis wir uns selbst damit arrangieren konnten, dass wir wirklich dauerhaft hierbleiben. Und da waren wir nicht die Einzigen, fast alle jüdischen Menschen in Deutschland konnten nach 1945 von solchen Erlebnissen erzählen.
War das Thema damit abgehakt oder hat es Sie immer wieder beschäftigt? Waren Sie sicher in Ihrer Entscheidung? Was hat Ihnen dabei geholfen?
Nein, sicher waren wir lange überhaupt nicht, wir hatten anfangs ja unbedingt weggewollt. Die Gemeinde war in den 50ern und 60ern auch sehr klein, und als man sich so ein bisschen eingerichtet hatte, setzte eine Phase des Terrors ein: Der Brandanschlag aufs Gemeindezentrum in der Reichenbachstraße 1970, das Olympia-Attentat 1972. Die Politik stand damals sehr klar an unserer Seite, das war gut und richtig, aber wenn man sich ohnehin die Frage stellte, ob man am richtigen Ort war, halfen diese Entwicklungen nicht. Viele sind in dieser Zeit auch nach Israel ausgewandert.
Ihre Großmutter wurde 1942 deportiert, Sie mussten sich verstecken und haben überlebt. Wie geht man um, auch in der Erinnerung, mit einer derart feindlichen Heimat?
Das war genau das Problem. Ich hatte schon nicht nach München zurückgewollt 1945, weil ich den Menschen nicht wieder begegnen wollte, die uns bespuckt und verfolgt hatten. Aber mein Vater setzte sich natürlich durch, ich war erst zwölf Jahre alt.
Trotzdem blieb dieses große Misstrauen. Mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft hatten wir sehr lange nur so viel zu tun, wie es absolut erforderlich war. Meine älteren Kinder wussten genau, dass sie keine Schulfreunde nach Hause einzuladen brauchten. Wir Überlebenden konnten uns in diesem Land nicht bewegen, ohne uns zu fragen, was die Menschen getan hatten, die uns über den Weg liefen. Jeder Bäcker, jeder Trambahnschaffner, alle, die jetzt immer höflich grüßten und freundlich lächelten, konnten in Wirklichkeit grausame Mörder sein.
Rassismus und Antisemitismus wachsen wieder im Land. Viele Jüdinnen und Juden fühlen sich aktuell zunehmend bedroht, manche sitzen auf gepackten Koffern. Das ist sehr traurig. Wie sprechen Sie in Ihrer Familie darüber?
Heute ist die Lage die, dass ein Großteil meiner Familie gar nicht in Deutschland lebt. Ich habe drei Kinder, sieben Enkel und seit Kurzem acht Urenkel, und die meisten sind über den ganzen Erdball verstreut. Aber das Thema ist nicht zu vermeiden, und wir bemerken dabei: Es ist nirgendwo wirklich gut. In Amerika, Österreich, Großbritannien und Frankreich, man kommt dem Judenhass heute nicht aus. Israel ist die einzige Ausnahme, aber das Leben dort hat dafür ganz andere Herausforderungen. Eine meiner Töchter lebt dort, ich bekomme das also aus erster Hand mit.
Hadern Sie mit Ihrer Heimat? Entgleitet sie Ihnen?
Hadern – ja. Ich erlebe heute Sachen, die ich mir nie hätte vorstellen können in Deutschland, allen voran die Etablierung einer rechtsextremen Partei. Da frage ich mich sehr wohl, ob das meine Heimat ist. Aber ich habe immer noch Vertrauen in dieses Land und seine Menschen, und ich hoffe, dass sie bei sich bleiben.
Den zweiten Teil des Interviews finden Sie hier auf der Webseite des Landesvereins für Heimatpflege.
Das Interview führte Angelika Sauerer.
Foto: IKG München und Oberbayern/Astrid Schmidhuber
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