Auf einen Kaffee mit Coffee with a Jew

München hat mit rund 10.000 Gläubigen eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Trotzdem haben viele der fast 1.6 Millionen anderen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt kaum oder gar keine Berührungspunkte mit dem Judentum. Um dem entgegenzuwirken, gibt es seit Sommer 2024 ein ganz besonderes Projekt: Coffee with a Jew.

Sind alle Juden reich? Wofür steht der Davidstern? Und warum legt man am jüdischen Friedhof Steine aufs Grab? Diese und so ziemlich jede andere Frage zum Thema Judentum beantworten Daniel und Arielladen Passanten bei einer Tasse Kaffee auf den Straßen Münchens. Beide sind Vorsitzende der B’nai B’rith Loge München und die Initiatoren von Coffee with a Jew, Dazu gekommen ist es durch eine ganz andere Initiative.
Im November 2023 veranstaltete die B’nai B’rith Loge am Marienplatz eine Shabbat-Tafel zum Gedenken an die Geiseln vom 7. Oktober. Die Resonanz war überwältigend und was den Organisatoren noch auffiel: Die nichtjüdischen Besucher hatten einige Fragen.

“Die Aufmerksamkeit war riesig. Da sind Menschen stehen geblieben, die mit uns ins Gespräch gekommen sind, die offensichtlich wahnsinnig viele Fragen hatten, mit denen sie aber ganz alleine stehen, weil sie keinen Ansprechpartner haben. Das hat uns den Anstoß gegeben, dass man da was tun muss und nachdem wir immer, pathetisch fast schon, diese Bitte in den Raum werfen „Redet mit uns, nicht über uns“, kam uns der Gedanke für Coffee with a Jew als Lösung für das Problem, das sonst kaum zu erfüllen ist”, erklärt Daniel.

Ariella betont, wie wichtig diese ungezwungenen Treffen gerade jetzt sind:
“Wir haben nach dem 7. Oktober bei uns im Freundes- und Bekanntenkreis festgestellt, dass es sehr viel Unwissenheit zum Judentum und jüdischem Leben gibt und dass da auch ganz viele Fragezeichen und Fragen in den Köpfen der Leute herrschen.”

Coffee with a Jew will also diese Fragezeichen auflösen und das auf eine lockere, unverfängliche Art. Wenn die interessierten Passanten zögerlich mit ihren Fragen sind, helfen Gesprächskarten mit Themen-Anregungen.

Diese Aufklärungsarbeit ist auch Teil der Aufgabe von B’nai B’rith Loge, deren Motto Tikkum Olam, also die Reparatur der Welt, lautet. Und die Welt repariert man durch gute Taten. Neben Wohltätigkeitsarbeit jeglicher Art ist eben auch der Kampf gegen Antisemitismus so eine gute Tat.

Worüber die Leute aber am häufigsten sprechen wollen, ist der Nahost-Konflikt.
“Uns geht es ja eigentlich darum, das jüdische Leben in Deutschland darzustellen und das [der Nahost-Konflikt] ist ein guter Gesprächseinstieg, um zu sagen, wir können darüber reden, aber eigentlich ist unser Thema ein ganz anderes. Viele Fragen sind auch rein historischer Natur und da reden wir gerne mit ihnen und erklären das und versuchen da ein Gespräch zu führen”, sagt Ariella.

Daniel ergänzt: “Ein Ziel unseres Projekts ist ja eigentlich, den Menschen eine Möglichkeit zu geben, uns als Menschen kennenzulernen, nicht als Juden. Kein Mensch ist ja nur eins. Wir haben Berufe, wir haben Familien, wir sind alles Mögliche, unter anderem auch Juden.”

Natürlich sind sie in ihrer Rolle als Wissensvermittler bei Coffee with a Jew in erster Linie Vertreter des Judentums. Damit möchten sie neue Perspektiven zeigen, etwas bewegen und verändern. Dennoch wollen sie nicht nur auf das Judentum reduziert werden, wie Ariella erklärt:
“Wir haben uns diese Rolle ja ausgesucht, in dem Projekt jetzt auch. Aber ganz grundsätzlich ist es so, ich bin in allererster Linie Mensch, so wie wir alle und das Judentum ist Teil meiner Identität und das ist auch das Ziel des Projekts. Denn das Judentum per se ist sowohl eine Religion als auch eine Volksgemeinschaft und das wird ganz unterschiedlich ausgelebt. Wir haben mit Coffee with a Jew einen Weg gefunden, da den Leuten eben zu zeigen, was bedeutet jüdisches Leben in Deutschland, was bedeutet das für uns. Ich sehe mich da nicht objektiviert."

Grundsätzlich gibt es für die beiden keine Frage, die nicht gestellt werden darf oder die sie nicht mehr hören können. Schließlich liegt es einerseits in der Natur des Projekts, dass oft ähnliche Fragen gestellt werden, andererseits bietet es auch genau den Rahmen dafür, einfach alles fragen zu können.

Manchmal wird die Arbeit allerdings durch antisemitische oder israelfeindliche Provokateure erschwert. Damit umzugehen ist eine Herausforderung:
“Wenn wir merken, da will jemand nur provozieren und da hat das Gespräch keinen Sinn, dann brechen wir das Gespräch auch ab. Es führt zu nichts”, meint Ariella.

Durch die Gespräche mit den Menschen am Stand entstehen für die beiden auch untereinander wertvolle und schöne Momente, wie Daniel erzählt:
“Ich glaube, die schönsten Gespräche sind tatsächlich die, die wir untereinander teilweise im Nachgang haben, weil wir wahnsinnig viel lernen bei den Aktionen. Sie helfen uns, Perspektiven mal aufzubrechen und die Welt anders zu sehen. Das ist auch ein ganz schöner Nebeneffekt von diesem Projekt. Es hat sich gezeigt, dass es auch für uns innen einen großen Mehrwert bietet.”

Den größten Aha-Moment verspürten die beiden nach der Shabbat-Tafel am Marienplatz, als nichtjüdische Personen echte Anteilnahme zeigten. Ein großer Halt für die schier prekäre und beängstigende Situation für Jüdinnen und Juden.

Damit Coffee with a Jew dauerhaft Bestand hat, braucht es vor allem finanzielle Mittel und weiterhin freiwillige Helfer, die das Vorhaben voranbringen und auch andere Formate entwickeln.

Von den nichtjüdischen Menschen in Bayern würde sich Ariella Folgendes wünschen:
“Ich finde grundsätzlich, in den Diskurs treten ist schonmal ganz wichtig. Miteinander sprechen, Fragen haben und ins Gespräch kommen, egal wie. Diskurs, Diskurs, Diskurs!”

Daniel sieht es so:
“Was ich mir wünschen würde, wäre ein offener Zugang. Man muss nicht immer Angst vor Fettnäpfchen haben. Dafür sind Formate wie Coffee with a Jew auch so wahnsinnig wichtig, denn du darfst mir ja alle Fragen stellen. Du kannst mich fragen, ob wir alle reich sind, du kannst mich fragen, ob wir alle Kinderblut trinken. Wahrscheinlich nehme ich es dir übel, wahrscheinlich aber eher nicht, weil wenn es vom richtigen Ort kommt und die Frage keine böse Intention hat, dann können wir darüber reden und das Miteinander deutlich leichter machen. Diese Offenheit wünsche ich mir eigentlich. Und die Differenzierung zwischen dem Staat Israel und dem Judentum.”

Gerade eben wegen der angespannten politischen Situation ziehen sich nämlich immer mehr jüdische Menschen zurück, zeigen ihren Glauben nicht offen und haben Angst vor antisemitischen Übergriffen. Gleichzeitig gibt es auf der nichtjüdischen Seite viel Unsicherheit und Unwissen. Deswegen sind niedrigschwellige Projekte wie Coffee with a Jew so wichtig, um dagegen anzukämpfen und Brücken zu schlagen.

 

Das Interview führte Katharina Bawidamann.

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